Wenn das Meer zurückkommt und der Rückweg verschwindet
Von Finn · · 2 Min. Lesezeit

Der Strand liegt längst hinter einem. Vorne glänzt der Horizont, unter den Schuhen zeichnet sich der Sand in feinen Wellen ab. Das Meer scheint weit entfernt. Doch genau dieser Eindruck kann im Wattenmeer täuschen. Der Rückweg kann bereits gefährlich werden, während große Teile der Landschaft noch…
Der Strand liegt längst hinter einem. Vorne glänzt der Horizont, unter den Schuhen zeichnet sich der Sand in feinen Wellen ab. Das Meer scheint weit entfernt. Doch genau dieser Eindruck kann im Wattenmeer täuschen. Der Rückweg kann bereits gefährlich werden, während große Teile der Landschaft noch trocken aussehen.
Vor Ostfrieslands Küste verändert sich die Welt im Rhythmus der Gezeiten. Wo wenige Stunden zuvor Wasser stand, wird bei Ebbe der Meeresboden sichtbar. Bei Flut steigt das Wasser wieder an. Dabei bezeichnen Ebbe und Flut die Bewegung des Wassers. Niedrigwasser und Hochwasser sind dagegen die Zeitpunkte des niedrigsten und höchsten Wasserstands.
Eine wichtige Rolle spielen die Anziehungskräfte von Mond und Sonne. Zusammen mit der Bewegung der Erde und den örtlichen Bedingungen entsteht der vertraute Wechsel. Zwischen zwei aufeinanderfolgenden Hochwassern liegen im Mittel etwa zwölf Stunden und 25 Minuten. Der genaue Ablauf unterscheidet sich jedoch von Ort zu Ort.
Für Spaziergänger liegt die größte Gefahr häufig nicht am fernen Horizont, sondern direkt im Watt. Priele durchziehen die Landschaft wie ein verzweigtes Netz. Durch diese Rinnen fließt Wasser ab und wieder zurück.
Bei auflaufendem Wasser füllen sich die tiefer liegenden Priele zuerst. Eine Stelle, die auf dem Hinweg noch harmlos wirkte, kann später tief sein und starke Strömung führen. So kann das Wasser den Rückweg abschneiden, bevor die umliegenden Flächen überflutet sind.
Deshalb ist die Vorstellung gefährlich, man müsse einfach erst umdrehen, wenn das Meer sichtbar näherkommt. Auch gute Schwimmkenntnisse bieten keine verlässliche Sicherheit. Die DLRG warnt ausdrücklich davor, strömende Priele zu durchschwimmen.
Hinzu kommen weicher Schlick, scharfkantige Muscheln und wechselndes Wetter. Bei Nebel verschwinden Orientierungspunkte. Wind und nasse Kleidung können den Körper auskühlen. Was vom Deich aus übersichtlich erscheint, ist draußen keineswegs automatisch leicht einzuschätzen.
Seenotretter empfehlen deshalb, niemals allein ins Watt zu gehen und längere Touren nur mit erfahrener Wattführung zu unternehmen. Örtliche Gezeiten, Wetter, Sichtverhältnisse und ausreichend Zeit für den Rückweg müssen berücksichtigt werden. Ein Gezeitenkalender allein ersetzt keine Ortskenntnis. Wind kann beeinflussen, wie hoch das Wasser tatsächlich aufläuft.
Dieser Hintergrundartikel ist keine Aufforderung zu einer spontanen Wattwanderung im November. Gerade in der kalten Jahreszeit lässt sich die Landschaft auch von sicheren Wegen und ausgewiesenen Aussichtspunkten erleben.
Das Wattenmeer bleibt faszinierend, gerade weil es sich ständig verändert. Seine Weite ist kein leeres Gelände, sondern Meeresboden. Das Wasser ist bei Ebbe nicht verschwunden. Es kommt zurück.
